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Brasilien vor der Stichwahl: Ein Land zwischen Wut und Angst

Autorenbild: Gerald Schneider
Gerald Schneider
vor 5 Tagen
5 Min. Lesezeit
Bei einer Pro-Lula-Demonstration in München hat ein Mann die brasilianische Flagge um die Schultern gebunden (Foto: Gerald Schneider)
Bei einer Pro-Lula-Demonstration in München hat ein Mann die brasilianische Flagge um die Schultern gebunden (Foto: Gerald Schneider)

Lula da Silva war sich sicher, die Wahl im ersten Anlauf zu gewinnen. Nun sieht er sich nach eigenen Worten „in der Verlängerung“. Die Auswahl bei der Stichwahl um das Präsidentenamt lautet nun: Amtsinhaber Lula gegen den Sohn dessen Amtsvorgängers Flávio Bolsonaro. Dieser deutete das Ergebnis als Wunsch nach Veränderung und versprach den Familien, ihnen das Träumen zurückzugeben. Zwei Männer, zwei Gefühle, und dazwischen ein Land, das sich nicht mehr einig ist, wovor es

mehr Angst haben soll.


Wählen gegen etwas

Mehreren Umfragen zufolge lehnt etwa die Hälfte der Brasilianer die Familie Bolsonaro ab, die andere Hälfte Lulas Arbeiterpartei. Nach Einschätzung des ZDF steht nur ein Teil von Flávios Wählern, rund 20 bis 25 Prozent, wirklich hinter der Bolsonaro-Familie. Der Rest will vor allem Lula loswerden. Ein früherer Lula-Wähler erzählte der AP, er habe diesmal für Bolsonaro gestimmt, obwohl ihm andere Kandidaten besser gefielen: Man wähle heute „für Bolsonaro“ oder „für Lula“, nicht nach Programm. Umgekehrt will eine junge Wählerin, die im ersten Wahlgang für Augusto Cury stimmte, jetzt Lula wählen, ohne Begeisterung. Gut ein Fünftel der Wahlberechtigten blieb dem ersten Wahlgang fern, so viele wie seit 1998 nicht.


Es geht um Gewalt, um Korruption, um Chancen und Wohlstand. Und immer mehr darum, was überhaupt noch als wahr gilt. Die Brasilianer sind begeisterte Nutzer sozialer Netzwerke, und dort fliegen Filmschnipsel, Ausschnitte und Behauptungen im Trommelfeuer hin und her. Woher etwas stammt, spielt kaum noch eine Rolle. Der Riss der politischen Polarisierung geht durch Familien und Freundeskreise.


Zwei Brasilien

Das Land hat sich sozial, religiös und geografisch sortiert. Im Nordosten liegt Lula laut Datafolha im September mit 56 zu 26 Prozent vorn, im Süden Flávio mit 45 zu 27. Wer bis zu zwei Mindestlöhne verdient, neigt zu Lula (46 zu 29), wer über fünf verdient, zu Flávio (44 zu 28). Unter Evangelikalen führt Flávio mit 48 zu 26, unter Katholiken Lula mit 43 zu 32. Ein sauberer Klassenkampf ist das nicht: Auch unter den Ärmsten kommt Flávio auf fast 30 Prozent.


Hier Lula, 80, der frühere Gewerkschaftsführer. Er tritt mit dem Anspruch an, dem Amt und dem Land Würde zu geben, auch wenn ihm sein Umfeld das schwer macht: Gegen seinen Sohn Fábio Luís wird ermittelt. Er gilt als der, der Trump in die Schranken weist und dem US-Präsidenten gesagt hat, man wolle keinen Kaiser. Dort Flávio, 45, Erbe einer Bewegung, deren Gründer wegen eines Putschplans im Hausarrest sitzt. Er will den Staat zurückschneiden, zehn Ministerien streichen und privatisieren, sucht die Nähe zu US-Präsident Donald Trump und dem argentinischen Staatschef Javier Milei. Dass in Rios Landesparlament die Mutter und die Frau eines mutmaßlichen Milizenchefs in seinem Büro arbeiteten, hat seiner Kandidatur nicht geschadet. Ein Verfahren wegen Geldwäsche wurde 2022 archiviert, weil Beweise annulliert wurden. Flávio sagt, er habe von nichts gewusst.


Gegen die Bolsonaro-Familie wiederum reicht die Ablehnung weit über das linke Lager hinaus. Kritiker aus unterschiedlichen politischen Richtungen sehen in ihr nicht nur einen politischen Gegner, sondern eine Gefahr für die demokratischen Institutionen. Sie verweisen auf autoritäre Symbolik und Anleihen an faschistische Bewegungen, die im Umfeld der Bolsonaros immer wieder sichtbar geworden seien. Dahinter steht eine noch grundsätzlichere Sorge: dass sich mit Unterstützung politischer Verbündeter in Kongress und Senat sowie im Konflikt um die Rolle des Obersten Gerichtshofs eine politische Familiendynastie dauerhaft im Machtzentrum des Landes festsetzen könnte. Die Stichwahl wird damit für einen Teil der Bolsonaro-Gegner zu mehr als einer Entscheidung zwischen rechts und links: Sie verstehen sie als Abstimmung über die Widerstandsfähigkeit der brasilianischen Demokratie.


Gewalt, Skandale, Misstrauen

Die anhaltende Gewaltkriminalität ist eines der großen Themen im Wahlkampf. Flávio verspricht den Bau von fünf Hochsicherheitsgefängnissen nach dem Vorbild El Salvadors, Lula setzt auf internationale Zusammenarbeit. Das Misstrauen trifft beide: Gegen Lulas Sohn wird wegen mutmaßlicher Einflussnahme ermittelt, und Flávio hat laut Nachrichtenagentur AP Geld des Bankers Daniel Vorcaro für einen Film über seinen Vater angenommen, dessen Banco Master kollabierte. Die Wahl ist somit kein Ausdruck von Begeisterung, das ist Resignation.


Der lange Schatten aus Washington

Über der Wahl liegt Donald Trump. Im Mai waren sowohl Lula als auch Flávio im Weißen Haus. Tage nach Flávios Besuch stufte Trump Brasiliens zwei größte Drogenkartelle als Terrororganisationen ein, ein langjähriger Wunsch der brasilianischen Rechten, und kündigte mögliche Zollerhöhungen an. Flávio hatte im März bei einer konservativen Konferenz in Texas um „diplomatischen Druck“ der USA für „freie und faire“ Wahlen gebeten. Nach dem ersten Wahlgang nannte Trump das Ergebnis einen „großen Sieg“, knapp, aber sehr groß. Eine offene Wahlempfehlung gab er vorher nicht ab. Lula warnte ihn im Juni, sich nicht einzumischen. Das US-Außenministerium nennt den Vorwurf eine Lüge, und der Präsident des Wahlgerichts sagte, es gebe bisher keine konkreten Hinweise auf ausländische Einflussnahme.


Dass der Vorwurf trotzdem trägt, hat einen Grund: Trump hat in Lateinamerika offen Verbündete unterstützt, darunter Javier Milei in Argentinien und Abelardo de la Espriella in Kolumbien. Ein Sieg Flávios würde diese Reihe von Ländern, die zur neuen Rechten tendieren, verlängern. Ob das gezielte Einflussnahme oder ideologische Verwandtschaft ist, ist offen. Lulas Kampagne hat ein Interesse daran, es als Einmischung zu erzählen.


Der Algorithmus als Wahlkämpfer?

Ganz weit hergeholt ist der Vorwurf nicht. In Brasilien läuft fast alles über soziale Netzwerke, von der Werbung fürs Restaurant bis zum Wahlkampf, Instagram erreicht nach Konzernangaben rund 135 Millionen Nutzer. Am 10. Oktober beschuldigte Lulas Kampagne den Konzern Meta der Wahlbeeinflussung. Instagram habe Lulas Beiträge am 9. und 10. Oktober nicht bewerben lassen, die Reichweite eines Beitrags sei eingebrochen, und vor dem ersten Wahlgang seien Lulas Profil und das anderer linker Politiker aus der Suche verschwunden. Dazu behauptet sie ein Netz von 255 KI-gesteuerten Profilen mit rund 58 Millionen Aufrufen binnen eines Monats. Meta nennt die Vorwürfe falsch, räumt aber „technische Probleme“ ein, die nicht nur Brasilien oder einzelne Konten betroffen hätten.

Schon Ende September sperrte Meta Lulas Anzeigenkonto, ohne eine konkrete Regel zu nennen, nach Einspruch wurde die Sperre aufgehoben. Am selben Tag löschte Meta ein Instagram-Profil, das tags zuvor ein virales Erklärvideo über Flávios Verbindungen zum Banco-Master-Skandal veröffentlicht hatte. Nach Protesten kam es am Nachmittag zurück, Meta entschuldigte sich für „Unannehmlichkeiten“, ohne Begründung.


Der Kern ist damit nicht, dass Meta die Rechte nachweislich bevorzugt. Der Kern ist, dass niemand es überprüfen kann, in einem Land, in dem Wahlen knapp ausgehen. Eine Studie zur Kommunalwahl in São Paulo 2024 fand zudem, dass Sichtbarkeit weniger von Ideologie als von emotionalen Inhalten und persönlichen Angriffen abhing. Das begünstigt, wer Empörung beherrscht, nicht automatisch die Rechte. Auch Flávios Lager ist aktiv: Trump-nahe Influencer, darunter der frühere US-Abgeordnete Matt Gaetz, bezahlen laut Folha de S. Paulo Beiträge, die Flávio in Polymarket-Wetten vorn zeigen. Die Plattform ist in Brasilien verboten.


Was jetzt kommt

Am 25. Oktober entscheidet die Stichwahl. Im ersten Wahlgang lag Flávio mit 47 zu 45 Prozent vorn, in der jüngsten Datafolha-Umfrage mit 49 zu 45, innerhalb der Fehlermarge. Für ihn spricht, dass die meisten ausgeschiedenen Kandidaten rechts der Mitte stehen. Zema und Caiado haben sich schon hinter ihn gestellt. Lula muss mobilisieren, trotz Wahlpflicht, die bei einem Fünftel Nichtwählern offenbar kaum jemanden zwingt.

Der eine kämpft um ein Land für alle, der andere um ein Land für die, die schon etwas haben. Dazwischen steht ein Land, das sich nicht mehr sicher ist, was es mehr fürchtet: dass sich alles ändert oder dass sich nichts ändert.

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