Die Kunst des Sowohl-als-auch
- Gerald Schneider
- 1. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Brasilien, Saudi-Arabien und die neue Selbstbehauptung der Mittelmächte - Eine Weltordnung im Umbau

Eine alte Weltordnung gerät ins Wanken. Die Vereinigten Staaten bleiben die führende globale Wirtschafts- und Militärmacht – doch China hat sich als wirtschaftlicher, technologischer und zunehmend auch geopolitischer Gegenspieler etabliert. Peking investiert weltweit in Infrastruktur, erschließt neue Märkte und baut seinen politischen Einfluss weit über Asien hinaus aus. Diese Rivalität zweier Großmächte prägt bereits heute viele internationale Entwicklungen.
Doch der Blick auf Washington und Peking allein greift zu kurz. Denn parallel dazu tritt eine zweite Entwicklung immer deutlicher hervor: Zahlreiche Mittelmächte erkennen ihren außenpolitischen Handlungsspielraum und nutzen ihn mit wachsendem Selbstbewusstsein. Sie wollen sich weder einem Lager vollständig anschließen noch ihre Interessen den Strategien anderer unterordnen. Stattdessen halten sie sich Optionen offen und verfolgen eine Politik strategischer Autonomie.
Als Mittelmächte gelten Staaten, die zwar nicht über die globale Durchsetzungskraft einer Supermacht verfügen, aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke, Bevölkerungsgröße, regionalen Bedeutung oder diplomatischen Fähigkeiten jedoch erheblichen Einfluss auf internationale Entwicklungen ausüben können. Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend an zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Ländern – Brasilien und Saudi-Arabien –, die in ihren außenpolitischen Grundprinzipien einer verblüffend ähnlichen Logik folgen.
Brasilien: Groß genug, um Nein zu sagen
Brasilien gewinnt seit einigen Jahren sichtbar an Gewicht auf der internationalen Bühne. Als fünftgrößtes Land der Erde verfügt es über enorme Ressourcen: mehr als 200 Millionen Einwohner, einen großen Binnenmarkt, bedeutende Rohstoffvorkommen sowie eine leistungsfähige Landwirtschaft und Industrie. Hinzu kommt ein ausgeprägtes nationales Selbstverständnis: Brasilien begreift sich traditionell als eigenständigen Akteur – nicht als Anhängsel anderer Mächte.
In der internationalen Politik verfolgt Brasília eine Strategie, die Politikwissenschaftler häufig als Multi-Alignment bezeichnen. Das Land sucht die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Machtzentren, ohne sich dauerhaft an eines von ihnen zu binden. Als Mitglied der BRICS-Staaten unterstützt Brasilien Initiativen, die die Dominanz westlicher Institutionen und des US-Dollars relativieren sollen. Gleichzeitig treibt es das Mercosur-Abkommen mit Europa voran, vertieft seine Wirtschaftsbeziehungen mit China und pflegt weiterhin enge Kontakte zu den Vereinigten Staaten.
Dabei geht es Brasilien weniger um ideologische Nähe als um nüchterne Interessenwahrung. Die Regierung versucht, wirtschaftliche Chancen zu nutzen und gleichzeitig politische Abhängigkeiten zu vermeiden. Das Eingreifen der USA in Venezuela mit der Verschleppung des Diktators und Staatsoberhaupts Nicolas Maduro sowie den Drohungen gegen das Regime auf Kuba hat in vielen lateinamerikanischen Hauptstädten die Sensibilität für staatliche Souveränität zusätzlich geschärft. Unabhängig von jeder Bewertung des Maduro-Regimes wurde deutlich: Die Vereinigten Staaten sind weiterhin bereit, ihren Einfluss in der Region aktiv geltend zu machen. Für Brasilien ergibt sich daraus ein zusätzlicher Anreiz, außenpolitische Handlungsfreiheit zu bewahren und Partnerschaften zu diversifizieren.
Hinzu kommt eine strategische Dimension, die langfristig an Gewicht gewinnen wird: die globale Energiewende. Brasilien verfügt über erhebliche Potenziale in Bereichen wie Wasserkraft, Biokraftstoffe, Seltene Erden und Offshore-Energie – und möglicherweise auch bei grünem Wasserstoff. In einer Welt, die nach stabilen Lieferketten und neuen Energiequellen sucht, könnte dies die geopolitische Bedeutung des Landes erheblich steigern.
Saudi-Arabien: Vom Vasallen zum Gestalter
Ein weiteres Beispiel für strategische Autonomie ist Saudi-Arabien. Lange wurde das Königreich vor allem als Ölmacht und enger Partner der Vereinigten Staaten wahrgenommen. Heute verfolgt Riad eine deutlich eigenständigere Außenpolitik.
Sicherheitspolitisch kooperiert Saudi-Arabien weiterhin eng mit Washington – doch gleichzeitig baut es seine Beziehungen zu China aus, sucht die Nähe zu den BRICS-Staaten und positioniert sich zunehmend als eigenständiger Gestalter im Nahen Osten. Die saudische Führung nutzt ihre Rolle als einer der wichtigsten Energieexporteure der Welt, um politischen Einfluss zu gewinnen und internationale Partnerschaften zu verbreitern.
Zugleich versucht das Königreich im Rahmen der Vision 2030, seine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Investitionen in Technologie, Infrastruktur, Logistik und Industrie sollen die Grundlage für eine breiter aufgestellte Volkswirtschaft schaffen. Außenpolitisch tritt Saudi-Arabien zunehmend als Vermittler auf – und erweitert damit seinen Handlungsspielraum weit über die traditionelle Rolle als Energielieferant hinaus.
Verschiedene Welten, gleiche Logik
Auf den ersten Blick könnten die Unterschiede kaum größer sein. Brasilien ist eine demokratische Republik, Saudi-Arabien eine autoritär regierte Monarchie. Das eine liegt in Lateinamerika, das andere im Nahen Osten. Ihre wirtschaftlichen Strukturen und politischen Systeme trennen Welten.
Und doch verbindet beide ein gemeinsames strategisches Ziel: Sie wollen ihre außenpolitische Bewegungsfreiheit bewahren. Weder Brasilien noch Saudi-Arabien sehen ihren Platz in einer festen Bindung an ein einzelnes Machtzentrum. Stattdessen nutzen beide die Konkurrenz zwischen den Großmächten, um eigene Interessen durchzusetzen und ihren Handlungsspielraum zu vergrößern. Der Unterschied zwischen Demokratie und Autokratie spielt dabei durchaus eine Rolle – demokratische Regierungen müssen ihre Außenpolitik innenpolitisch legitimieren, autoritäre können schneller schwenken –, doch die strategische Grundlogik ist dieselbe.
Der stille Aufstand der Mittleren
Brasilien und Saudi-Arabien stehen nicht allein. Auch Staaten wie Indien, Indonesien, die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen ähnliche Ansätze. Sie verstehen sich nicht mehr als bloße Zuschauer einer von anderen gestalteten Weltordnung, sondern als eigenständige Akteure mit eigenen Interessen und eigener Agenda.
Die internationale Politik entwickelt sich deshalb weder zu einer klassischen Bipolarität noch zu einer vollständig multipolaren Ordnung. Vielmehr entsteht eine Welt mit zwei dominierenden Machtzentren, in der zahlreiche Mittelmächte ihre Handlungsspielräume bewusst erweitern und selbstbewusst nutzen. Es ist ein stiller, aber folgenreicher Strukturwandel.
Was Europa daraus lernen könnte
Für Europa hat diese Entwicklung weitreichende Konsequenzen. In einer Zeit, in der traditionelle Bündnisse weniger selbstverständlich erscheinen und die Verlässlichkeit einzelner Partner regelmäßig auf die Probe gestellt wird, gewinnen Beziehungen zu Mittelmächten an strategischem Wert. Länder wie Brasilien oder Saudi-Arabien sind längst keine bloß regionalen Akteure mehr – sie werden zu wichtigen Faktoren einer sich neu formierenden internationalen Ordnung.
Daraus ergeben sich auch Chancen für Deutschland und andere europäische Staaten. Sie sollten sich mehr geostrategische Eigenständigkeit zutrauen – nicht um NATO-Mitgliedschaft oder die grundsätzliche Bindung an den Westen in Frage zu stellen, sondern um Partnerschaften klüger zu diversifizieren. Europa hat einiges zu bieten: einen großen, kaufkräftigen Markt, hohe Standards, stabile politische und wirtschaftliche Systeme, technologische Kompetenz. Diese Trümpfe sollten gezielt eingesetzt werden – um Handelsbeziehungen und Sicherheitspartnerschaften zu verbreitern und für neue Partner attraktiver zu werden. Die Fenster öffnen sich gerade. Es wäre klug, sie zu nutzen.




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